DDR-Sport

Dieses Spiel ist eine Legende: Zum Achtelfinale im Europapokal der Landesmeister traf der 1. FC Magdeburg im November 1974 auf den FC Bayern München (Spielszene). Im Magdeburger Grube-Stadion mischten sich an diesem Abend unter die 35 000 Zuschauer auch knapp 8000 Sicherheitsleute. Archivfoto: imago

Magdeburg | Der DDR-Sport stand unter besonderer Beobachtung durch das Ministerium für Staatssicherheit. Im ehemaligen Bezirk Magdeburg gelangten vor allem der SC Magdeburg und der 1. FC Magdeburg ins Visier.

Ein allgemein bekanntes Privileg der DDR-Spitzensportler waren ihre Wettkampfreisen ins westliche Ausland. „Kaderpolitisch sauber“ und „politisch-ideologisch gefestigt“ sollten die „Diplomaten im Trainingsanzug“ sein, die in den Westen reisen durften. Und so hatte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) alle Hände voll zu tun, die Spitzenathleten zu durchleuchten – stets tatkräftig unterstützt von einer Vielzahl Inoffizieller Mitarbeiter (IM) und Gesellschaftlicher Mitarbeiter. Deren Berichte über Westkontakte, Äußerungen oder womöglich sogar strafrechtliche Auffälligkeiten, oft schriftlich, meist mündlich übermittelt, konnten für die betreffenden Athleten, aber auch Trainer und Funktionäre drastische Folgen haben. Das zeigen zahlreiche Akten und eine Wanderausstellung der Außenstelle Magdeburg der Stasiunterlagen-Behörde.

So für Uwe Bardick. Der ehemalige FCM-Torwart geriet vor dem Europapokalspiel bei Athletic Bilbao in den Verdacht, im Westen bleiben zu wollen. Der Mannschaftsarzt, IM „Hans Stock“, erklärte daraufhin, Bardick eine Spritze zu geben, die eine ohnehin im Arm vorhandene Entzündung weiter verstärken würde, „damit B. nicht mitfährt“. Der fluchtwillige FCM-Kicker bekam keinen Auslandseinsatz mehr. Bardick wurde wegen „mangelnder Leistungen ausdelegiert“ und umgehend zur Nationalen Volksarmee einberufen.

Mysteriöse Stadiondurchsagen

Riesiges Kopfzerbrechen bereitete das Europapokalspiel des FCM gegen Bayern München am 6. November 1974. Der „Operationsplan Vorstoß II“ des MfS sah vor, dass allein dem Leiter der „Innensicherung“ im Ernst-Grube-Stadion 7895 Sicherungskräfte (davon 2423 Mitarbeiter des MfS, einschließlich IM und GMS, 900 Volkspolizisten in Zivil, 1950 Angehörige der Kampfgruppe und 2422 Personen „anderer bewaffneter Organe“) zur Verfügung standen – bei insgesamt 35 000 Zuschauern.

Sicherheit im Stadion war oberstes Gebot. Ältere FCM-Fans können sich vielleicht an ähnliche Lautsprecherdurchsagen im Grubestadion erinnern: „Der Fahrer des Pkw Trabant, polizeiliches Kennzeichen MT 58-94, möchte sich sofort an seinem Fahrzeug einfinden.“ Diese Ansage war Signal für die Mitarbeiter der Kreisdienststelle Magdeburg, sich an ihrem Führungspunkt am nördlichen Treppenaufgang unter der ehemaligen Anzeigetafel einzufinden.

Viel Arbeit hatte das MfS auch, wenn sogenannte „Sportfans“ zu Wettkämpfen ins westliche Ausland reisen durften. Die Aktion „Leder“ – gemeint war die Fußball-WM 1974 in der BRD – hatte bereits im Vorfeld zu umfangreichen Ermittlungen unter den gemeldeten Kandidaten geführt. 232 handverlesene „Touristen“ durften schließlich zur WM, 90 sahen am 14. Juni in Hamburg Jürgen Sparwassers 1:0. Die fast militärisch aufgestellten Gruppen hatten jeweils einen Gruppenführer und sechs „Fans“. Jeder Gruppe, so lautete darüber hinaus die Forderung, gehörte ein IM, „teilweise sogar bis 4 IM/GMS“ an.

Der DDR-Sport war total überwacht

Als es 1978 mal nicht ganz so gut lief für den FCM und der damalige Trainer Klaus Urbanczyk in Leipzig zur Weiterbildung war, wusste ein Kollege, der während dieser Zeit das Training der Oberligamannschaft übernommen hatte, zu berichten, dass zum einen Urbanczyk wohl „den Rahmentrainingsplan nicht erfüllt“ habe, zum anderen die Ursachen in einem „verschlechterten Lebenswandel der Stamm-Mannschaft“ zu sehen seien.

Nicht weniger aktiv war das MfS im SC Magdeburg. Mehrere IM überwachten Sportler, Trainer und Funktionäre im Training, im Wettkampf und in der Freizeit. Der IM „Fritz Salzmann“ berichtete regelmäßig über die „politisch-ideologische Einstellung“ der SCM-Handballer. Als der SCM am 5. Mai 1975 im Europapokalfinale in Magdeburg auf den VfL Gummersbach traf, war in der Elbestadt Alarmstimmung. MfS-Mitarbeiter überwachten die Unterbringung des VfL im Hotel, das Geschehen in der Gieselerhalle und vor allem auch beim abendlichen Empfang in der Gaststätte des Germer-Stadions. 21 Hauptamtliche und 14 Inoffizielle Mitarbeiter waren im Einsatz. Unter den akkreditierten Journalisten saßen sie auf den Plätzen 66 und 67 … Die Einnahme „unterstützender Mittel“, landläufig auch Doping genannt, sollte auch mit Hilfe des MfS unter dem Teppich gehalten werden. Führungsoffizier „Günter Weise“ kam am 25. Mai 1979 in seinem „Informationsmaterial zur vertraulichen Behandlung unterstützender Mittel“ zu einer aufsehenerregenden Feststellung: es werde „nach wie vor nicht in vollem Umfang vertraut mit den Mitteln bzw. Materialien … umgegangen“. SCM-Sportler würden sich über ihre diesbezüglichen Kontrollen unterhalten. Außerdem seien mehrere Sportler „gleichzeitig zur Ausgabestelle für unterstützende Mittel“ eingeladen worden und hätten die Pillen dort auch als Gruppe in Empfang genommen.

Auch die damalige Magdeburger Kinder- und Jugend-Sportschule blieb nicht verschont. Dem System des Führungsoffiziers „Walter Steffen“, das Internat und Lehrkräfte betraf, gehörten bis zu sechs Inoffizielle Mitarbeiter an. Die Auslese junger Sportler unter „kaderpolitischen“ Gesichtspunkten begann jedoch bereits im Kindesalter. Wer in einem Trainingszentrum mit der Perspektive Hochleistungssport aktiv war, wurde in den Kreisen auf „Unbedenklichkeit“ durchgecheckt. Schließlich, und das geht unter anderem aus einem Schreiben der Bezirksverwaltung Magdeburg an die Kreisdienststelle Tangerhütte hervor, seien die „Sicherheitsüberprüfungen … das wichtigste Kriterium der Eignung für einen möglichen späteren Einsatz als Reisekader im NSA (nichtsozialistisches Ausland/d. A.) im Rahmen des Leistungssportes“.

In einem Kontrollbericht der SG Dynamo Magdeburg vom 18. Mai 1989 hieß es: „Insgesamt ist einzuschätzen, dass rechtzeitig zu den TZ-Kadern (Sportler aus Trainingszentrem/d. A.) kaderpolitische Ermittlungen … geführt werden. … Kader, die den kaderpolitischen Anforderungen nicht entsprechen, werden zu Sichtungen und Überprüfungswettkämpfen nicht vorgestellt.“

Dynamo Magdeburg meldete schließlich am 27. September 1983 voller Stolz, dass ein Handballer, fünf Leichtathleten und vier Turner zu Überprüfungen eingeladen worden waren. Dagegen sei ein Handballer „nicht durchgekommen“, ebenso wie ein Leichtathlet („Einreisen von Onkel und Tante 1976 und 1979“) sowie eine Turnerin, deren Eltern ebenfalls „Westbesuch“ hatten.

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